Noch ist nichts gewonnen

Linnea_Hopp_ASF_Friedensdienst1Mit der Zusage begann eine intensive Vorbereitungsphase. Sie war auf der einen Seite kraftraubend, anstrengend, manchmal erschütternd, dann aber wiederum sehr bereichernd, aufregend und im Nachhinein hilfreich. Die Zeit voller unerwarteter Herausforderungen hat dazu geführt, dass ich nun von einer großartigen Unterstützung durch viele Menschen und Erfahrungen profitieren darf.

J’ai besoin de vous!*

Die kommenden Wochen und Monate waren dominiert von der Patensuche, dem für mich größten Stolperstein auf dem Weg in den Dienst.

ASF bittet jeden Freiwilligen um den Aufbau eines Patenkreises aus mindestens 15 Einzelpersonen/Institutionen, die während des Friedensdienstes 15 Euro monatlich – beziehungsweise 180 Euro – für das komplette Jahr an den Verein spenden. Ohne jenen finanziellen Rückhalt wären Dienste in der angebotenen Form nicht realisierbar oder nur für sehr wohlhabende Bevölkerungsschichten zugänglich. Die Lösung mittels Patenschaften ist also sinnvoll, um das zu vermeiden und gleichzeitig die Anliegen von ASF weiter zu verbreiten. Zudem sind Paten wichtige Ansprechpartner und Begleiter für die Freiwilligen, an deren Erlebnissen sie über ausführliche Berichte teilhaben.

Paten zu finden war in Hamburg eine Herausforderung. Das nähere Umfeld aus Verwandten und Bekannten reichte (sicher bewusst) nicht aus, um die erforderliche Anzahl an Unterstützern zu bekommen. Auf Artikel in der Regionalzeitung gab es keine Reaktionen. Besonders bedauerte ich es, wenn mir die Möglichkeit des direkten Zugangs zu potentiellen Paten verwehrt blieb, denn über Rundmails fühlte sich kaum jemand persönlich angesprochen. Nicht immer wollte ich mich dazu überwinden, Bekannte um jene beachtliche Summe Geld zu bitten. Obgleich ich absolut hinter meinem Projekt stand, hielt ich dieses Ersuchen nicht unbedingt für angemessen.

Gleichzeitig freute ich mich über wunderbare Überraschungen: Kollegen meiner Eltern, die mich nur namentlich kannten, willigten zur Spende ein. Auch die kleine Gemeinde, in der ich seit Jahren nicht mehr aktiv gewesen war, ließ sich schnell überzeugen. Jede gewonnene Patenschaft ging mit einem Glücksgefühl daher, das mich in meiner Motivation bestärkte. Ich spürte zunehmend das Gewicht meines Vorhabens, während die Vorfreude auf das Teilen meiner Erlebnisse wuchs.

On a besoin de moi**

Mitten in den Hamburger Schulferien absolvierte ich gemäß den Vorschriften von ASF ein zweiwöchiges Sozialpraktikum. Die Suche nach geeigneten Einsatzstellen war nicht leicht gewesen und meine Begeisterung, im Hochsommer nach dem Abiturstress zehn Tage zu arbeiten, hielt sich anfangs in Grenzen. Wieder einmal erkannte ich jedoch bald den Wert der Erfahrungen, um dich ich dadurch reicher werden sollte. So verrückt es klingt, am Ende wäre ich gerne länger geblieben.

Mein Engagement widmete ich der sogenannten Alimaus. Dies ist eine auf katholischen Wurzeln gründende Einrichtung für Obdachlose und mittellose Menschen. In gemütlichem Ambiente werden pro Tag zwei reichhaltige Mahlzeiten angeboten. Zudem gibt es eine kostenlose Kleiderkammer, medizinische Versorgung und Angebote zur Seelsorge. Die Alimaus finanziert sich ausschließlich durch Spenden.

Ich arbeitete knapp sieben Stunden täglich, je nach Interesse und Bedarf vor- oder nachmittags. Eine Herausforderung war es zunächst, sich in die kontinuierlich wechselnden Arbeitsteams einzugliedern. Man fand nach ein paar Tagen jedoch schnell seinen Platz. Ich half beim Zubereiten und Austeilen der Speisen, bediente eine sechsköpfige, syrische Familie in der Kleiderkammer, sammelte die Spenden der Supermärkte ein und sortierte sie. Hinzu kam das unvermeidliche Putzen in Küche und Essensraum, doch auch dieses schien mir akzeptabel, zumal ich nie allein dafür zuständig war.

Während meines Praktikums profitierte ich von interessanten Begegnungen, sowohl mit bedürftigen Besuchern, als auch mit den zahlreichen Helfern. Einige davon waren pensioniert und halfen ehrenamtlich. Nicht wenige hatten ein religiöses Motiv. Zudem traf ich mehrere FSJler und sogar ehemalige Praktikanten, die einen Teil ihrer Freizeit weiterhin dem Projekt widmeten. Darüber hinaus bewies sich die Alimaus auch als Stütze für Menschen, die nach einer kriminellen Vergangenheit hier Sozialstunden ableisteten wie auch solchen, die nach Suchtproblemen erneut Fuß fassten.

Ein besonderes Highlight stellte für mich die Bekanntschaft mit einer internationalen Gruppe junger Studenten statt, die sich im Rahmen eines sozialen Workcamps für die Alimaus einsetzten. So erfreute ich mich nebenbei an spontanen Übersetzungsaufgaben, praktizierte tapfer mein Spanisch und fand heraus, dass wir – egal, ob aus Russland, Singapur oder Mexico – in vielen Angelegenheiten ähnlich dachten. Der Austausch, der dadurch zustande kam, entsprach ganz dem Esprit vom nahenden Friedensdienst.

In Bezug auf den Kontakt zu Bedürftigen variierten meine Erlebnisse stark. Neben Beschimpfungen und anstößigen Bemerkungen nahm ich stets Gesten der dankbaren Zufriedenheit und Anerkennung, die mir im Gedächtnis blieben. Es mag übertrieben klingen, doch ich denke, seitdem ich bei der Alimaus war, gehe ich ein bisschen anders durch die Straßen. Ich sehe mehr, zögere seltener, reflektiere stärker. Was meine Ideen zur Verbesserung des Gesehen angeht, so behaupte ich, an Sensibilität und Klarheit gleichermaßen gewonnen zu haben.

Pour aller plus loin: http://www.alimaus.de/docs/153014/home.aspx

Apropos, nicht verzweifeln :

*= Ich brauche euch !

**= Ich werde gebraucht.

Advertisements