Abschied – Plus qu’un moment

Die letzten Wochen vor Dienstbeginn flogen wahrlich dahin und verwickelten mich in ein unerwartetes Gefühlschaos. Die Diversität an Ereignissen, denen ich seit der Übergabe des Abiturzeugnisses hatte beiwohnen dürfen, übermannte mich förmlich. Nach Gedenkstättenfahrt und Sozialpraktikum war ich zur Sommerakademie gefahren, einer Art Feriencamp auf dem hessischen Eisenberg ohne Handyempfang, dafür aber mit knapp 300 jungen Teilnehmer*innen, deren Interessensspektrum sich im Prinzip nicht durch ein Leben abdecken lässt. Da wir alle ein klein wenig verrückt sind, wird genau dies dennoch vor Ort versucht, bref*: Gemeinsames Lernen und Lachen stehen auf der Tagesordnung; Schlaf ist auch nachts tabu.

Dieses Mal fiel mir die Abreise doppelt schwer, weil ich vermute, aufgrund des Friedensdienstes im (irgendwann hoffentlich) kommenden Sommer nicht vorbeizuschauen, obwohl ich – wie der Rest übrigens auch – de facto süchtig nach den Akademien bin.

Zum Glück erhielt ich die Gelegenheit, meine Wehmut eine Weile zurückzustellen. Mit einer guten Freundin von der Akademie verbrachte ich im Anschluss ein paar wunderschöne Tage in ihrem Wohnort Jena. Weil mir dies an Ablenkung noch nicht genug war, zog ich weiter zu einer Freundin, die ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte. Dank ihr erlebte ich die bunte Kultur der völlig unterschätzten Stadt Mannheim, obendrein bei sommerlichen Temperaturen.

Schließlich ließ sich die Heimkehr nicht länger hinauszögern. Während meiner letzten Tage in Hamburg mischten sich Aufbruchsstimmung und Anspannung in unangenehmen Verhältnissen, was für die ganze Familie nicht immer leicht zu ertragen war. Die Liste der Menschen, die ich unbedingt noch einmal zu Gesicht bekommen wollte, wuchs munter weiter, unbeeindruckt von der schwindenden Verfügbarkeit dafür notwendiger Stunden. Jedes Treffen gab mir Kraft und beruhigte einen Augenblick lang das Gewissen. Momente des Abschieds waren jedoch nicht dazu imstande, meine orientierungslosen Gedanken zu bändigen. Ich stand bereits mit einem Fuß auf neuem Grund und merkte gleichzeitig, dass die ein oder andere Kleinigkeit daheim und so mancher Mensch im nahen Umfeld doch mehr als akzeptabel gewesen waren.

Zu meiner inneren Verwirrung trug sicherlich bei, dass ich vom Mémorial bis dato keinerlei Reaktionen auf meinen lettre de motivation erhalten hatte. In diesem, bereits Ende Mai verschickten schreiben stellte ich mich und meine Ambitionen in Bezug auf die kommende Zusammenarbeit ausführlich vor. Meine Unruhe mag etwas kleinlich wirken, aber der Umstand störte mich durchaus. Erneut versuchte ich, Kontakt aufzunehmen. Wenige Tage vor der Abreise freute ich mich über eine kurze Mail, in der man mir eine gute Reise wünschte und versicherte, dass meine Ankunft erwartet wird.

Die Abschiedsphase gestaltete sich aus meiner Sicht auch dadurch kompliziert, dass ich einigen Personen den Rücken zukehrte, die davon auszugehen schienen, dass ich wiederkäme. Hingegen galt der Friedensdienst für mich von vornherein als ein Schritt hinaus aus der Tür, die ich behutsam hinter mir zu schließen gedenke. Ja, ich werde einen Schlüssel verwahren. Ich will mich weder abschotten, noch vergessen. Doch Hamburg war für mich ein Ort der Kindheit. Eine volljährige Abiturientin, die für zwölf Monate Koffer packt, um alleine in Paris zu wohnen, ist 90 Prozent der Herausforderungen des Lebens vermutlich noch nicht gewachsen. Aber ein Kind ist sie auch nicht mehr. Und sie wünscht sich sehnlichst,  ihr überladenes Zimmer im Reihenhaus am Stadtrand schleunigst und endgültig zu verlassen. Jene Einstellung können bei Weitem nicht alle Freunde und Verwandte nachvollziehen.

Um mein Gepäck kümmerte ich mich vorbildlich am letzten Abend. Gegen Mitternacht fiel mir auf, dass sich wohl nicht alle vorgesehenen Gegenstände verstauen lassen würden. Wie behält man die Nerven zwischen entmutigenden Kommentaren des Vaters, der schlafen will und der ständig weinenden Mutter, die helfen möchte? Man lässt sie so lange zittern, bis die Müdigkeit überhandnimmt.

Am Freitagmorgen, dem 1. September, verfrachtete man also einen großen, dunkelroten Hartschalenkoffer, einen schicken Backpacker-Rucksack samt Isomatte, Schlafsack, Fahrradhelm und Blumen-Anhänger, eine Gitarre (in einer Tasche, versteht sich), einen weiteren Rucksack und mich mit dazu in einen ICE nach Berlin, der ausnahmsweise pünktlich abfuhr. In den Minuten am Bahngleis begriff ich nicht wirklich, dass ich mich für ein ganzes Jahr verabschiedete. Der Aufbruch ins Unbekannte hatte sich seit Monaten angebahnt und überrollte mich trotzdem. Ein bisschen taten mir die winkenden Zurückbleibenden leid, wobei ich wusste, dass sie bald die positiven Seiten meiner Abwesenheit entdecken würden.

Im Zug unterhielt mich meine gesellige Sitznachbarin, eine betagte Dame über 80, die laut überlegte, was sie von den ganzen modernen Technologien an Bord wohl halten sollte. Angekommen in der Hauptstadt trug ein freundlicher Herr meinen Koffer die defekte Rolltreppe hinauf. Ich erinnerte ihn an seine Tochter, die vor wenigen Jahren ähnlich beladen als Au Pair losgezogen war. In der S-Bahn stieß ich auf sympathisch aussehende, wandernde Rucksäcke. Tatsächlich visierten die jungen Menschen darunter das gleiche Ziel an: Hirschluch. Noch nie gehört?

*= kurzum

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