Abschied – Plus qu’un moment

Die letzten Wochen vor Dienstbeginn flogen wahrlich dahin und verwickelten mich in ein unerwartetes Gefühlschaos. Die Diversität an Ereignissen, denen ich seit der Übergabe des Abiturzeugnisses hatte beiwohnen dürfen, übermannte mich förmlich. Nach Gedenkstättenfahrt und Sozialpraktikum war ich zur Sommerakademie gefahren, einer Art Feriencamp auf dem hessischen Eisenberg ohne Handyempfang, dafür aber mit knapp 300 jungen Teilnehmer*innen, deren Interessensspektrum sich im Prinzip nicht durch ein Leben abdecken lässt. Da wir alle ein klein wenig verrückt sind, wird genau dies dennoch vor Ort versucht, bref*: Gemeinsames Lernen und Lachen stehen auf der Tagesordnung; Schlaf ist auch nachts tabu.

Dieses Mal fiel mir die Abreise doppelt schwer, weil ich vermute, aufgrund des Friedensdienstes im (irgendwann hoffentlich) kommenden Sommer nicht vorbeizuschauen, obwohl ich – wie der Rest übrigens auch – de facto süchtig nach den Akademien bin.

Zum Glück erhielt ich die Gelegenheit, meine Wehmut eine Weile zurückzustellen. Mit einer guten Freundin von der Akademie verbrachte ich im Anschluss ein paar wunderschöne Tage in ihrem Wohnort Jena. Weil mir dies an Ablenkung noch nicht genug war, zog ich weiter zu einer Freundin, die ich seit zwei Jahren nicht gesehen hatte. Dank ihr erlebte ich die bunte Kultur der völlig unterschätzten Stadt Mannheim, obendrein bei sommerlichen Temperaturen.

Schließlich ließ sich die Heimkehr nicht länger hinauszögern. Während meiner letzten Tage in Hamburg mischten sich Aufbruchsstimmung und Anspannung in unangenehmen Verhältnissen, was für die ganze Familie nicht immer leicht zu ertragen war. Die Liste der Menschen, die ich unbedingt noch einmal zu Gesicht bekommen wollte, wuchs munter weiter, unbeeindruckt von der schwindenden Verfügbarkeit dafür notwendiger Stunden. Jedes Treffen gab mir Kraft und beruhigte einen Augenblick lang das Gewissen. Momente des Abschieds waren jedoch nicht dazu imstande, meine orientierungslosen Gedanken zu bändigen. Ich stand bereits mit einem Fuß auf neuem Grund und merkte gleichzeitig, dass die ein oder andere Kleinigkeit daheim und so mancher Mensch im nahen Umfeld doch mehr als akzeptabel gewesen waren.

Zu meiner inneren Verwirrung trug sicherlich bei, dass ich vom Mémorial bis dato keinerlei Reaktionen auf meine lettre de motivation erhalten hatte. In diesem bereits Ende Mai verschickten Schreiben stellte ich mich und meine Ambitionen in Bezug auf die kommende Zusammenarbeit ausführlich vor. Meine Unruhe mag etwas kleinlich wirken, aber der Umstand, dass noch kein Wortwechsel stattgefunden hatte, störte mich durchaus. Erneut versuchte ich, Kontakt aufzunehmen. Wenige Tage vor der Abreise freute ich mich über eine kurze Mail, in der man mir eine gute Reise wünschte und versicherte, dass meine Ankunft erwartet wird.

Die Abschiedsphase gestaltete sich aus meiner Sicht auch dadurch kompliziert, dass ich einigen Personen den Rücken zukehrte, die davon auszugehen schienen, dass ich wiederkäme. Hingegen galt der Friedensdienst für mich von vornherein als ein Schritt hinaus aus der Tür, die ich behutsam hinter mir zu schließen gedenke. Ja, ich werde einen Schlüssel verwahren. Ich will mich weder abschotten, noch vergessen. Doch Hamburg war für mich ein Ort der Kindheit. Eine volljährige Abiturientin, die für zwölf Monate Koffer packt, um alleine in Paris zu wohnen, ist 90 Prozent der Herausforderungen des Lebens vermutlich noch nicht gewachsen. Aber ein Kind ist sie auch nicht mehr. Und sie wünscht sich sehnlichst,  ihr überladenes Zimmer im Reihenhaus am Stadtrand schleunigst und endgültig zu verlassen. Jene Einstellung können bei Weitem nicht alle Freunde und Verwandte nachvollziehen.

Um mein Gepäck kümmerte ich mich vorbildlich am letzten Abend. Gegen Mitternacht fiel mir auf, dass sich wohl nicht alle vorgesehenen Gegenstände verstauen lassen würden. Wie behält man die Nerven zwischen entmutigenden Kommentaren des Vaters, der schlafen will und der ständig weinenden Mutter, die helfen möchte? Man lässt sie so lange zittern, bis die Müdigkeit überhandnimmt.

Am Freitagmorgen, dem 1. September, verfrachtete man also einen großen, dunkelroten Hartschalenkoffer, einen schicken Backpacker-Rucksack samt Isomatte, Schlafsack, Fahrradhelm und Blumen-Anhänger, eine Gitarre (in einer Tasche, versteht sich), einen weiteren Rucksack und mich mit dazu in einen ICE nach Berlin, der ausnahmsweise pünktlich abfuhr. In den Minuten am Bahngleis begriff ich nicht wirklich, dass ich mich für ein ganzes Jahr verabschiedete. Der Aufbruch ins Unbekannte hatte sich seit Monaten angebahnt und überrollte mich trotzdem. Ein bisschen taten mir die winkenden Zurückbleibenden leid, wobei ich wusste, dass sie bald die positiven Seiten meiner Abwesenheit entdecken würden.

Im Zug unterhielt mich meine gesellige Sitznachbarin, eine betagte Dame über 80, die laut überlegte, was sie von den ganzen modernen Technologien an Bord wohl halten sollte. Angekommen in der Hauptstadt trug ein freundlicher Herr meinen Koffer die defekte Rolltreppe hinauf. Ich erinnerte ihn an seine Tochter, die vor wenigen Jahren ähnlich beladen als Au Pair losgezogen war. In der S-Bahn stieß ich auf sympathisch aussehende, wandernde Rucksäcke. Tatsächlich visierten die jungen Menschen darunter das gleiche Ziel an: Hirschluch. Noch nie gehört?

*= kurzum

Advertisements

Eine Woche Auschwitz – Gedenkstättenfahrt

20170718_104800 (2)
In die Vorbereitungszeit fiel bei mir noch ein weiteres, wesentliches Erlebnis, dem ich aufgrund seiner unvergleichbaren Tiefe einen eigenen Eintrag widmen möchte.

ASF bietet zukünftigen Freiwilligen jeden Sommer die Teilnahme an einer Gedenkstättenfahrt nach Polen an. Der Verein übernimmt die Kosten für das Programm. Als Veranstaltungsorte standen Majdanek/Lublin und Auschwitz/Krakau zur Auswahl. Bei mir kam aufgrund schulischer Verpflichtungen (Mitte Juli – unerhört!) nur der zweite Termin infrage, weshalb ich erleichtert aufatmete, als man mir dafür einen Platz zusicherte.

Bereits die Anreise war abenteuerlich. Im geisterhaften Berlin bestieg ich sonntagmorgens um 6:45 Uhr einen Fernbus, dessen Fahrer kein Wort englisch sprach. Ich hatte einen Sitzplatz im unteren Teil des Doppeldeckers reserviert und war damit fast allein. Jede polnische Durchsage ließ mich unruhiger werden, da ich mich mit niemandem austauschen konnte. Die mysteriösen Dämpfe aus dem Klo am Ende des Ganges trugen ihr Übriges zu meinem Unwohlsein bei. Trotz der Müdigkeit versuchte ich, mich wenigstens minimal in das umfangreiche Material einzulesen, das wir zur Vorbereitung erhalten hatten, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

Bald ging es auf die polnische Autobahn. Dies ließ sich auch ohne den Blick auf Straßenschilder feststellen: Urplötzlich ruckelte es so stark, dass man das Gefühl hatte, über einen unbefestigten Pfad aus dem Mittelalter zu rasen. In unregelmäßigen Abständen sprang das Fahrzeug – ähnlich wie seine Insassen – förmlich in die Höhe. Sogar der hartnäckige Schnarcher ein paar Reihen vor mir schreckte hoch. Es gab also einen positiven Nebeneffekt.

Dank eines kurzen Zwischenhaltes in irgendeiner Stadt, die abgesehen vom Busbahnhof ganz hübsch aussah, konnte ich einen ersten Überblick über unsere Reisegruppe erhalten. Dabei stellte ich fest, dass die anderen ihre Sitzplatzreservierung einfach nicht beachtet hatten und am Oberdeck sowieso größtenteils schliefen. Mit diesem Wissen ging es mir gleich besser. In Katowice verließen wir erschöpft den Bus. Unser Aufatmen hielt jedoch nicht lange an, denn nach einigen Telefonaten fanden wir heraus, dass der Shuttle zum Unterbringungsort noch eine gute Stunde auf sich warten ließe. Grund dafür war ein Bombenalarm an ebenjenem Bahnhof, neben dem wir mehr oder weniger entspannt mit all unserem Gepäck ausharrten. Von den lauernden Gefahren berichtete man uns erst hinterher. Der nächste Bus besaß keine Anschnallgurte. Bei dem Gedanken an polnische Autobahnen wurde ich sogleich panisch, doch glücklicherweise blieb es eine ruhige Fahrt.

Angekommen in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz (IJBS) teilten wir rasch die Zimmer ein und begaben uns anschließend für das lang ersehnte Abendessen in den Speisesaal. Insgesamt bestand unsere Gruppe aus 26 zukünftigen Freiwilligen. Begleitet wurden wir von der derzeitigen Freiwilligen in der Begegnungsstätte und einer Mitarbeiterin von ASF. Am ersten Abend stellten wir uns einander vor, malten hochprofessionelle Portraits und besprachen unsere Erwartungen an die kommenden Tage.

Diese begannen stets mit einem Frühstück um acht Uhr, das seinem Namen alle Ehre machte und primär aus verdächtig schneeweißem, labbrigem Brot bestand. Am ersten gemeinsamen Morgen profitierten wir von einer Stadtführung durch Oświęcim. Das ist eine kleine Stadt mit vielen strahlenden Blumenfeldern und etlichen Fahrschulen, die auf Deutsch Auschwitz heißt und nicht im Geringsten bedrückend wirkt. Wir begaben uns auf die historischen Spuren der jüdischen Bevölkerung im Ort und besichtigten eine Synagoge. Vor dem Mittagessen bereiteten wir im Plenum unseren Gedenkstättenbesuch vor. Dies fand im Rahmen einer stillen Diskussion statt: Fragen wurden gesammelt, Ängste und Assoziationen schriftlich auf Plakaten festgehalten.

Das Stammlager Auschwitz I liegt zu Fuß nur zwanzig Minuten von der Begegnungsstätte entfernt. Vor dem Eingang parken Busse. Menschen unterhalten sich ausgelassen. Mir kam das ein wenig bizarr vor, zumal es sich selbst nach dem Betreten der Gedenkstätte nicht schlagartig änderte. Im verhältnismäßig „kleinen“ Stammlager ist der Touristenandrang groß. Wir bekamen Kopfhörer, um der Fremdenführerin folgen zu können. Teilweise drängte man sich in den Räumen und hörte parallel von einer Seite die spanische Erklärung mit. Es gelang daher nur bedingt, die Umgebung auf sich wirken zu lassen.

Eine Ausstellung rief jedoch in einigen von uns starke Emotionen hervor. Es handelte sich um Installationen des Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem/Israel. Auf die Wände des ersten Raumes wurden Fotos und Filmaufnahmen aus dem Alltagsleben sämtlicher Familien, die später der nationalsozialistischen Massenvernichtung zum Opfer fielen, projiziert. Im Hintergrund lief Instrumentalmusik. Die sanften Klänge betonten Momente des harmonischen Zusammenlebens. Es war unendlich schmerzhaft, sich die Kluft zwischen den Bildern und dem Schicksal jener Menschen vor Augen zu führen. Im Obergeschoss des Blocks erschauderte ich beim Durchqueren eines Abschnitts, in dem man von mehreren Seiten mit nationalsozialistischen Parolen und öffentlichen Äußerungen führender NSDAP-Funktionäre sowie dem tosenden Applaus der indoktrinierten Menge beschallt wurde. Die Zitate ließen sich auf Bildschirmen mitlesen. Ich fühlte mich in diesem Raum beengt und orientierungslos und verließ ihn zügig, in angeekelter Abwehrhaltung. Zur Abscheu hatte sich bei mir in wenigen Augenblicken enorme Wut gemischt, die eine Weile anhielt.

In mehreren Räumen wurde mir schlecht. Wir kamen an Tonnen von Menschenhaaren und Bergen mit persönlichen Gegenständen vorbei, betraten einen Keller mit Öfen, hörten Geschichten über medizinische Experimente an Menschen und hielten neben einem Galgen inne, während uns die Führerin qualvolle Appellprozeduren schilderte. Obwohl ich dem schrecklichen Verbrechen physisch nah war, reichte meine Vorstellungskraft für all die Grausamkeiten bei Weitem nicht aus.

Vier Stunden später verließen wir das Gelände. So merkwürdig es auch klingen mag, nach einer Reflexionsrunde in der IJBS verbrachten wir einen heiteren Abend, unterhielten uns über Hobbys und spielten Tischtennis. Was wir gesehen und gehört hatten, wurde nicht verdrängt, beeinträchtigte aber auch nicht die Stimmung. Anfangs fragte ich mich innerlich, ob ich der Vergangenheit mit Ausgelassenheit nach dem Besuch des Konzentrationslagers gerecht wurde. Ich suchte unentwegt nach Gründen für meine Unbeschwertheit, die allgemein anhielt. Doch letztendlich kam ich zu dem Schluss, dass es im gegebenen Zusammenhang kein Ideal für den Umgang mit dem Thema Holocaust gibt. Vielleicht ist es besser, wenn ich mir das Geschehene weiterhin nicht vorstellen kann, weil es mir derart absurd, ja, einfach unfassbar erscheint.

Am darauffolgenden Tag begaben wir uns in das flächenmäßig gigantische, ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort war es ruhiger und weitläufiger. Die maroden Baracken sahen furchterregend aus. Nach einem Blick auf Distanz vom Aussichtsturm begaben wir uns in mehrere Gebäude hinein. Sie waren dunkel, kühl und rochen nach Elend. Wir sahen den verdreckten Waschraum, betraten ein Krematorium, betrachteten einen Viehwagon am Ende der Gleise inmitten des Lagers und lauschten Geschichten von ehemaligen Häftlingen, von winzigen Glücksmomenten und unermesslichen Abscheulichkeiten. Draußen wurde die Hitze zunehmend unangenehm. Einige von uns wünschten sich Schatten und Sitzplätze. Man wagte es kaum, solche Bedürfnisse laut zu äußern an einem Ort, wo andere Menschen einst willkürlich ermordet und misshandelt worden, verhungert oder erfroren waren. Besonders prägte viele der Rundgang durch die sogenannte „Sauna“, in der die Neuankömmlinge stufenweise ihrer Identität beraubt und entmenschlicht worden waren. In den engen Korridoren und dem Raum mit den Duschkopfattrappen konnte ich nicht lange bleiben.

Nach dem Mittagsessen in der IJBS ging es zum zweiten Mal auf das Gelände des Stammlagers. Wir erkundeten individuell eine Ausstellung zum Schicksal der Sinti und Roma und erhielten einen interessanten sowie bewegenden Einblick in die verschiedenen Formen von Kunst im Konzentrationslager. Vom auftragsgemäßen Gemälde für das Büro eines SS-Mannes bis zum leidenden Gesicht, das heimlich in eine Brotkrume geschnitzt worden war, lies sich Erstaunliches entdecken.

Abends werteten wir den Besuch der Gedenkstätte gemeinsam aus. In Kleingruppen diskutierten wir Reaktionen auf das Erlebte bzw. Gesehene und thematisierten neue Überlegungen. Wie gewöhnlich gab es ein inhaltlich passendes Filmangebot. Die geselligen Nächte gewannen an Bedeutung. Mückenschwärmen gelang es nicht, uns in die Zimmer zu treiben.

Tag drei ließ etwas mehr Freiraum für eigene Interessensschwerpunkte. Vormittags besuchten wir je nach Vorliebe die sogenannten Länderausstellungen im Stammlager. Ich schaute mir die Ausstellungen von Frankreich, Belgien und den Niederlanden an. Es war sehr interessant, den Ausdruck der Erinnerungskultur im direkten Vergleich zu sehen und einen Überblick der vielfältigen Perspektiven auf den Holocaust zu erhalten.
Nach Stunden des individuellen Erkundens merkte ich schließlich, dass ich das Gelände zunehmend als beklemmend empfand. Seit drei Tagen beschäftigte ich mich am Ort des Geschehens mit einem unermesslichen Menschheitsverbrechen. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Idylle dank des guten Wetters und den unentwegt ernüchternden Realitäten, die auf mich einprasselten. Ich konnte nichts mehr lesen, obgleich mein Wissensdurst noch lange nicht gestillt war. Ich wollte weg vom Galgen, weg vom Zaun und dem Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“, dessen Anblick in mir Übelkeit auslöste. Es war beruhigend, den Rückweg zur Begegnungsstätte nicht alleine bewältigen zu müssen.

Am frühen Nachmittag blieben wir für ein Selbststudium in der Begegnungsstätte. Man konnte Archivdokumente der IJBS einsehen, in der Bibliothek stöbern oder seine Impressionen kreativ verarbeiten. Spätnachmittags brachen wir zu einer Erkundungstour um die Gedenkstätte herum auf. Diese veranschaulichte uns vor allem das Leben der Aufseher in Auschwitz. Tatsächlich existierten mehrere Wohnhäuser noch und standen nicht einmal leer. Zurück in der Begegnungsstätte werteten wir die Tage in Auschwitz intensiv aus. Nicht selten übertrugen wir sie auf uns als junge Generation, unsere Verantwortung für die Zukunft und unsere Rolle im Rahmen des Friedensdienstes. Der Aufenthalt in Oświęcim fand seinen Ausklang in Form eines Grillabends.

Im Anschluss an einen spannenden, wenngleich schockierenden Workshop zu Tätern in Auschwitz, deren Aussagen vor Gericht und verfügten Urteilen fuhren wir per Bus weiter nach Krakau. Am letzten Tag der Gedenkstättenfahrt genossen wir dort noch einmal volles Programm, das sich (im nicht zu empfehlenden Vergleich mit Auschwitz) als etwas leichtere Kost herausstellte. Man führte uns dreieinhalb Stunden durch die Altstadt, über den Rynek (belebter Hauptplatz mit Tuchhallen und Marienkirche), auf den Wawel (Königshügel), in das ehemalige Nazighetto Podgórze  und das jüdische Viertel Kazimierz. Im Jewish Galician Museum fanden wir weitere historische Spuren der jüdischen Bevölkerung, Bilder vom Alltag, von Festen, von Ruinen. Im Seminarraum versammelten wir uns ein letztes Mal. Man bat uns um ein ausführliches Feedback zur Gedenkstättenfahrt und abschließende Kommentare.

Auf sozialer Basis fand ich die Gedenkstättenfahrt äußerst gelungen. Obwohl das Maß an Input ziemlich heftig war, blieben Zeit und Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten. Ausnahmslos jede*r von uns Freiwilligen freute sich am Ende auf ein baldiges Wiedersehen. Die Tage in Oświęcim und Krakau hatten Euphorie in Bezug auf unseren nahenden Friedensdienst angekurbelt und uns die Möglichkeit gegeben, in einem übersichtlichen Kreis und angenehmer Atmosphäre erste wertvolle Kontakte zu knüpfen. Ich habe die Kombination aus Gedenkstättenbesuchen und intensivem Austausch mit Gleichaltrigen als überaus bereichernd empfunden.

Abgesehen davon beschäftigen mich nach dieser Woche mehrere Dinge: Erstens war ich entsetzt über das Verhalten mancher Besucher*innen der Gedenkstätte Auschwitz. Fröhliche Selfies vor dem Eingangstor, ausgiebiges Picknick auf den Treppenstufen vor einer Baracke, lauthalses Lachen auf dem Gelände und fluchendes Telefonieren im Ausstellungsraum halte ich – trotz dessen, dass Wahrnehmungen und Reaktionen unterschiedlich sein dürfen und sollen – für absolut unangemessen und respektlos. Außerdem hat es mich irritiert, dass nicht wenige Menschen kleine Kinder mitbringen.

Seit meinem Erlebnis in Auschwitz denke ich verstärkt darüber nach, ob und wie sich die Bedeutung des Gedenkortes und seine Präsenz mit der Zeit wandeln werden und welche Möglichkeiten es gibt, Tendenzen der Verharmlosung und des Vergessens einzudämmen. Generell sehe ich im Friedensdienst ein deutliches, qualitatives Zeichen gegen Ignoranz.

Mir persönlich ist Auschwitz nun viel mehr ein Begriff. Ich erahne die Komplexität der nationalsozialistischen Verbrechen, ihre Perversität, ihren animalischen Charakter. Ich habe Bilder im Kopf, die mich noch lange prägen werden. Dennoch hat mir die Gedenkstättenfahrt gezeigt, dass meine Vorstellungskraft nicht ausreicht, um zu begreifen, was in Auschwitz und zahlreichen anderen Lagern passiert ist. Ich verstehe die Gräueltaten nicht, weil mir die Motive dafür vollkommen fremd sind und damit auch jene Menschen, die sie durchführten. Doch diese Erkenntnisse beeinflussen in keinem Fall meine Entscheidung, aktiv zu werden. Je mehr ich über Auschwitz weiß, desto schwerer ist es zu ertragen. Genau dieses Gewicht ist es, das mir zeigt, dass es wichtig ist, sich zu engagieren. Es ist das Gewicht des Geschehenen, das uns das Schweigen verbietet und uns dazu verpflichtet, in den Dialog zu gehen.

Pour aller plus loin:

Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz – http://www.mdsm.pl/de/

Gedenkstätte Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz – http://auschwitz.org/en/ 

Für starke Nerven: Visiting => Virtual tour

Noch ist nichts gewonnen – oder doch?

Linnea_Hopp_ASF_Friedensdienst1Mit der Zusage begann eine intensive Vorbereitungsphase. Sie war auf der einen Seite kraftraubend, anstrengend, manchmal erschütternd, dann aber wiederum sehr bereichernd, aufregend und im Nachhinein hilfreich. Die Zeit voller unerwarteter Herausforderungen hat dazu geführt, dass ich nun von einer großartigen Unterstützung durch viele Menschen und Erfahrungen profitieren darf.

J’ai besoin de vous!*

Die kommenden Wochen und Monate waren dominiert von der Patensuche, dem für mich größten Stolperstein auf dem Weg in den Dienst.

ASF bittet jeden Freiwilligen um den Aufbau eines Patenkreises aus mindestens 15 Einzelpersonen/Institutionen, die während des Friedensdienstes 15 Euro monatlich – beziehungsweise 180 Euro – für das komplette Jahr an den Verein spenden. Ohne jenen finanziellen Rückhalt wären Dienste in der angebotenen Form nicht realisierbar oder nur für sehr wohlhabende Bevölkerungsschichten zugänglich. Die Lösung mittels Patenschaften ist also sinnvoll, um das zu vermeiden und gleichzeitig die Anliegen von ASF weiter zu verbreiten. Zudem sind Paten wichtige Ansprechpartner und Begleiter für die Freiwilligen, an deren Erlebnissen sie über ausführliche Berichte teilhaben.

Paten zu finden war in Hamburg eine Herausforderung. Das nähere Umfeld aus Verwandten und Bekannten reichte (sicher bewusst) nicht aus, um die erforderliche Anzahl an Unterstützer*innen zu bekommen. Auf Artikel in der Regionalzeitung gab es keine Reaktionen. Besonders bedauerte ich es, wenn mir die Möglichkeit des direkten Zugangs zu potentiellen Paten verwehrt blieb, denn über Rundmails fühlte sich kaum jemand persönlich angesprochen. Nicht immer wollte ich mich dazu überwinden, Bekannte um jene beachtliche Summe Geld zu bitten. Obgleich ich absolut hinter meinem Projekt stand, hielt ich dieses Ersuchen nicht unbedingt für angemessen.

Gleichzeitig freute ich mich über wunderbare Überraschungen: Kollegen meiner Eltern, die mich nur namentlich kannten, willigten zur Spende ein. Auch die kleine Gemeinde, in der ich seit Jahren nicht mehr aktiv gewesen war, ließ sich schnell überzeugen. Jede gewonnene Patenschaft ging mit einem Glücksgefühl daher, das mich in meiner Motivation bestärkte. Ich spürte zunehmend das Gewicht meines Vorhabens, während die Vorfreude auf das Teilen meiner Erlebnisse wuchs.

On a besoin de moi**

Mitten in den Hamburger Schulferien absolvierte ich gemäß den Vorschriften von ASF ein zweiwöchiges Sozialpraktikum. Die Suche nach geeigneten Einsatzstellen war nicht leicht gewesen und meine Begeisterung, im Hochsommer nach dem Abiturstress zehn Tage zu arbeiten, hielt sich anfangs in Grenzen. Wieder einmal erkannte ich jedoch bald den Wert der Erfahrungen, um die ich dadurch reicher werden sollte. So verrückt es klingt, am Ende wäre ich gerne länger geblieben.

Mein Engagement widmete ich der sogenannten „Alimaus“. Dies ist eine auf katholischen Wurzeln gründende Einrichtung für Obdachlose und mittellose Menschen. In gemütlichem Ambiente werden pro Tag zwei reichhaltige Mahlzeiten angeboten. Zudem gibt es eine kostenlose Kleiderkammer, medizinische Versorgung und Angebote zur Seelsorge. Die Alimaus finanziert sich ausschließlich durch Spenden.

Ich arbeitete knapp sieben Stunden täglich, je nach Interesse und Bedarf vor- oder nachmittags. Eine Herausforderung war es zunächst, sich in die kontinuierlich wechselnden Arbeitsteams einzugliedern. Man fand nach ein paar Tagen jedoch schnell seinen Platz. Ich half beim Zubereiten und Austeilen der Speisen, bediente eine sechsköpfige, syrische Familie in der Kleiderkammer, sammelte die Spenden der Supermärkte ein und sortierte sie. Hinzu kam das unvermeidliche Putzen in Küche und Essensraum, doch auch dieses schien mir akzeptabel, zumal ich nie allein dafür zuständig war.

Während meines Praktikums profitierte ich von interessanten Begegnungen, sowohl mit bedürftigen Besucher*innen, als auch mit den zahlreichen Helfer*innen. Einige davon waren pensioniert und halfen ehrenamtlich. Nicht wenige hatten ein religiöses Motiv. Zudem traf ich mehrere FSJler*innen und sogar ehemalige Praktikanten, die einen Teil ihrer Freizeit weiterhin dem Projekt widmeten. Darüber hinaus bewies sich die Alimaus auch als Stütze für Menschen, die nach einer kriminellen Vergangenheit hier Sozialstunden ableisteten wie auch solchen, die nach Suchtproblemen erneut Fuß fassten.

Ein besonderes Highlight stellte für mich die Bekanntschaft mit einer internationalen Gruppe junger Studenten dar, die sich im Rahmen eines sozialen Workcamps für die Alimaus einsetzten. So erfreute ich mich nebenbei an spontanen Übersetzungsaufgaben, praktizierte tapfer mein Spanisch und fand heraus, dass wir – egal, ob aus Russland, Singapur oder Mexiko – in vielen Angelegenheiten ähnlich dachten. Der Austausch, der dadurch zustande kam, entsprach ganz dem Esprit vom nahenden Friedensdienst.

In Bezug auf den Kontakt zu Bedürftigen variierten meine Erlebnisse stark. Neben Beschimpfungen und anstößigen Bemerkungen nahm ich stets Gesten der dankbaren Zufriedenheit und Anerkennung wahr, die mir im Gedächtnis blieben. Es mag übertrieben klingen, doch ich denke, seitdem ich bei der Alimaus war, gehe ich ein bisschen anders durch die Straßen. Ich sehe mehr, zögere seltener, reflektiere stärker. Was meine Ideen zur Verbesserung des Gesehenen angeht, so behaupte ich, an Sensibilität und Klarheit gleichermaßen gewonnen zu haben.

Pour aller plus loin: http://www.alimaus.de/docs/153014/home.aspx

Apropos, nicht verzweifeln :

*= Ich brauche euch !

**= Ich werde gebraucht.

Mémorial de la Shoah

logo-memorial-shoah

Meine Einsatzstelle ist das Mémorial de la Shoah, welches sich im Marais, dem jüdischen Zentrum von Paris befindet. Ich arbeite dort überwiegend im Centre de documentation juive contemporaine (CDJC). Es wurde 1943 durch den französisch-russischen Rabbiner und Industriellen Isaac Schneersohn im Untergrund gegründet, um Zeitdokumente zu sichern, die die Verfolgung und systematische Ermordung der Juden aus Frankreich bezeugen. Das CDJC bildet einen zentralen Anlaufpunkt für Wissenschaftler*innen und Forscher*innen, sowie für Familienangehörige der Deportierten und Überlebende der Shoah. Heute – unterteilt in Bibliothek, Fotothek und Archiv (bibliothèque, photothèque, archives) – ist es mit über einer Million archivierten Dokumenten eines den wichtigsten Dokumentationszentren zur Shoah weltweit.

Im Museumsbereich des Mémorials befinden sich drei kostenlos zugängliche Ausstellungen. Die permanente befasst sich mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Europa, schwerpunktmäßig im besetzten Frankreich und während des Vichy-Regimes 1940–1944. Es werden zahlreiche pädagogische Veranstaltungen, Führungen, Lesungen und Ateliers angeboten, die Besucher*innen die Thematik der Shoah näherbringen sollen. Neben der Betreuung von Schulklassen sind dabei auch Fortbildungen für Lehrkräfte und Seminare für angehende Polizisten ein wichtiger Bestandteil des Bildungsangebotes. Im Erdgeschoss bietet eine umfangreiche Bücherei historische Literatur und Filmmaterial an.

Zudem versteht sich das Mémorial als Gedenkstätte. Es werden regelmäßig commémoriations (Gedenkzeremonien) für die Deportierten der einzelnen convois (Konvois) abgehalten. In der Einrichtung befindet sich eine crypte (Krypta), die das Mémorial du Martyr juif inconnu (Denkmal an den unbekannten jüdischen Märtyrer) beherbergt. Auf dem Vorhof wurden Mauern mit den Namen der aus Frankreich Deportierten (Mur des Noms) sowie jenen der bislang anerkannten „Gerechten unter den Völkern“ (Mur des Justes) errichtet.

Pour aller plus loin (d.i. mehr zu dieser bedeutsamen Institution) : http://www.memorialdelashoah.org/

Für Verzweifelnde gibt es eine englische Version der Seite, für deren Erscheinen ein Klick in der linken Hälfte der Kopfleiste genügt.

ASF – Geh denken!*

Bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste handelt es sich um einen gemeinnützigen Verein, der 1958 von der evangelischen Kirche ins Leben gerufen wurde. Trotz seiner christlichen Wurzeln steht ASF allen Religionen und Weltanschauungen offen. Das Ziel des Vereins ist historisch bedingt und betrifft den verantwortungsbewussten Umgang mit der NS-Vergangenheit. ASF setzt sich für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen des 20. Jahrhunderts ein und kämpft aktiv gegen jegliche Form von Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit in unserer heutigen Gesellschaft.

Ein zentraler Bestandteil der internationalen Öffentlichkeitsarbeit von ASF sind einjährige Friedensdienste. Der Gründungsaufruf des Vereins verdeutlicht dessen Handlungsabsichten: „[Wir] bitten […] die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land etwas Gutes zu tun“. Mit dem Ziel der wohlwollenden Unterstützung entsendet ASF jährlich etwa 180 Freiwillige in insgesamt 13 Länder, die im Zeitalter des Zweiten Weltkriegs besonders unter Deutschland gelitten haben. Dazu zählen Belgien, Polen, Großbritannien, Frankreich, Norwegen, Belarus, Russland, die Ukraine, die Tschechische Republik, Israel, die Niederlande und die USA. Jungen Menschen aus dem Ausland stehen Dienste innerhalb der deutschen Grenzen, vornehmlich an Gedenkorten, offen. Friedensdienste werden im sozialen Bereich (Arbeit mit älteren Menschen, sozial Benachteiligten, Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen) sowie in der politischen und historischen Bildung (Menschenrechtsorganisationen, Antidiskriminierungsbüros, Gedenkstätten, Museen, Archive) angeboten.

Daneben gibt es auch die Möglichkeit, an Kurzzeitfreiwilligendiensten (sogenannten Sommerlagern) teilzunehmen, im Rahmen welcher sich oft internationale Gruppen einem konkreten Projekt widmen, beispielsweise Renovierungsarbeiten in Gedenkstätten und auf Friedhöfen, Mitarbeit in jüdischen Gemeinden etc. Mit dem Ziel einer friedvollen Gesellschaft setzt ASF Zeichen für multikulturelle Solidarität und gegen das Vergessen. Es wird ein lebendiger, zukunftsgerichteter Austausch zwischen Nationen und Völkern erhalten.

Neben den oben erwähnten Arbeitsfeldern organisiert ASF diverse Veranstaltungen, die Aufklärung und Kommunikation bezwecken und interkulturelle Begegnungen hervorrufen. Der Verein engagiert sich in den Themenbereichen Rassismus und Gewaltprävention. ASF ist in diesem Sinne keine Freiwilligenorganisation, sondern primär eine Friedensorganisation, die für eine Welt im friedlichen Dialog plädiert.

*Für das Erkennen des Wortspiels im ASF-Slogan (Gedenken/ Geh denken) habe ich übrigens ein paar Monate in Anspruch genommen.

Welcome to Werftpfuhl! – Ein erstes Kennenlernen

Ende Januar, knapp drei Monate nach Einreichung der Bewerbung, begab ich mich für ein sogenanntes Informations- und Auswahlseminar in die eindrucksvolle Metropole Werftpfuhl bei Berlin, wo es außer einer schneebedeckten Jugendbegegnungsstätte und einer verlassenen Bushaltestelle an der einzigen Straße rein gar nichts gab. Bereits die Anreise war dementsprechend recht umständlich, doch sie sollte sich lohnen.

Ich besuchte das zweite von vier Seminaren, das von Montag bis Donnerstag stattfand und mit knapp 60 Bewerber*innen eher klein war. Das Programm erwies sich als sehr strukturiert und zielführend. Neben kürzeren Kennlernrunden und Vorträgen, die im Plenum abgehalten wurden, spielten die Kleingruppen eine zentrale Rolle, in denen wir jeweils von zwei Teamer*innen betreut wurden. Dort tauschten wir uns über unseren Weg zu ASF, prägende Ereignisse und Meinungen zum geschichtlichen Hintergrund der Organisation aus. Wir schauten uns einen Dokumentarfilm zum Umgang der nachfolgenden Generationen mit den NS-Verbrechen an und führten anschließend stille sowie laute Diskussionen dazu durch. Mir gefielen diese Einheiten sehr, denn man war völlig frei in Art und Inhalt seiner Äußerungen und spürte, dass die Bewerber*innen ein ausgeprägtes Interesse an Geschichte und Zukunftspolitik verband.

Persönlich spürte ich nahezu keinen Konkurrenzdruck und empfand die Atmosphäre als äußerst angenehm. Wir, die Bewerber*innen, wohnten in Vierbettzimmern zusammen und ermutigten einander. An einem Tag fanden Einzelgespräche von 45 Minuten statt, in denen es vielmehr um ein gegenseitiges Kennenlernen, als um ein Aus- oder gar Abfragen ging. Der Verein stellte sich, seine Wurzeln sowie die von ihm angebotenen Projektländer und -bereiche vor. Wir erhielten viel Zeit zum Lesen von Erfahrungsberichten, konnten uns aber bei Bedarf problemlos zurückziehen.

Wenn ich auch am Ende große Schwierigkeiten damit hatte, den relativ offen gestalteten Wunschzettel gewissenhaft auszufüllen, so war es mittels des Seminars doch auf jeden Fall gelungen, mich in meiner Entscheidung zu bestärken und ein aussagekräftiges Bild von der eventuell bevorstehenden Zusammenarbeit zu bekommen. Als wir zum Abschied gemeinsam einen Kanon sangen, wusste ich, dass ich unbedingt wiederkehren wollte.

Und siehe da, eine Woche später schenkte ASF mir die direkte Zusage: Eine ungeheure Erleichterung für mich als Schülerin im finalen Turbo-Semester vor den Abiturklausuren. Die Benachrichtigung zur Einsatzstelle erhielt ich Anfang März. Ab dann war klar: Es geht nach Paris! La France sollte nach dem ernüchternden Austausch in der neunten Klasse folglich eine zweite Chance erhalten.

In Krisensituationen, die sich zu der Zeit häuften, sorgte der Gedanke an einen nahenden, bunten Lebensabschnitt für Lichtblicke. Endlich besaß ich einen Plan, und zwar einen, von dem ich selbst absolut überzeugt war. So freute ich mich jedes Mal, wenn ich die irritierte Frage aufschnappte: Ein Friedensdienst? Was ist das überhaupt?

Aller Anfang ist schwer

Schon Jahre vor meiner Bewerbung stand innerlich fest, dass mir die Vorstellung, mich nach dem Abitur sogleich wieder in Hörsäle überfüllter Universitäten zu schleppen, sichtlich widerstrebte. In der Welt hatte ich mittlerweile viel zu viel erlebt und gesehen, das mir überhaupt nicht gefiel. Negative Eindrücke konnte ich noch nie verdrängen. Sie nagten stets an mir und schufen ein Bedürfnis nach Aktivität. Was meine Zukunftsgedanken während der letzten Schuljahre betraf, so kam schließlich Fernweh dazu – oder positiver ausgedrückt: Der Wunsch nach Unbekanntem, Aufregendem, nach Herausforderung und Sinn. Die Lust auf Neues, sowie die Bereitschaft dafür, es anzunehmen.

Meine Aufbruchsstimmung erhielt einen Dämpfer, als ich feststellte, dass das perfekte Freiwilligen-Programm leider nicht geduldig vor der Haustür wartet. Tatsächlich war ich alles andere als faul und recherchierte stundenlang nach Organisationen und Projekten. Jedoch trieb mich die grenzenlose Auswahl dabei schier in den Wahnsinn. Je nach Gemütsverfassung wollte ich des Öfteren ganz weit weg, am besten nach Lateinamerika oder gar Brasilien, was besonders spektakulär klang. Lange Zeit liebäugelte ich mit Italien und der Aussicht, diese „bellissima lingua“ endlich richtig zu erlernen.

Nicht zuletzt der Rat einer guten Freundin, die das vergangene Jahr mit ASF verbracht hat, befreite mich aus meiner Orientierungslosigkeit. Ich entschied mich für eine Bewerbung bei jenem Verein, der neben sozialen Einsatzstellen auch Projekte im historischen und politischen Bildungsbereich anbot. Jene Einzigartigkeit, resultierend aus einem wohlbegründeten Motiv für die Arbeit, schien mir in Bezug auf einen Freiwilligendienst spannender, als jedes noch so exotische Land.

Mit Sorgfalt stellte ich in den kommenden Wochen meine Unterlagen zusammen. Dazu gehörten ein ausformulierter Lebenslauf, drei Referenzen, die mir zwei wunderbare Lehrer und meine mich fortan unterstützende Freundin schrieben und die Beantwortung von sechs Fragen zu Motivationen, Engagement, Wünschen und Vorstellungen. Die Anforderungen hatten mich zuvor abgeschreckt. Nach etwas Überwindung merkte ich jedoch bald, wie ich begann, mich intensiv mit meiner Persönlichkeit, meiner Entwicklung, meiner Geschichte und meinem Umfeld auseinanderzusetzen. So begriff ich Stück für Stück, warum und wie ich den möglicherweise anstehenden Friedensdienst absolvieren wollte. Meine Entschlossenheit wuchs. Heute bin ich sehr dankbar für diese Selbstreflexion, die ASF im frühen Bewerbungsstadium von mir forderte.