Eine Woche Auschwitz – Gedenkstättenfahrt

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In die Vorbereitungszeit fiel bei mir noch ein weiteres, wesentliches Erlebnis, dem ich aufgrund seiner unvergleichbaren Tiefe einen eigenen Eintrag widmen möchte.

ASF bietet zukünftigen Freiwilligen jeden Sommer die Teilnahme an einer Gedenkstättenfahrt nach Polen an. Der Verein übernimmt die Kosten für das Programm. Als Veranstaltungsorte standen Majdanek/Lublin und Auschwitz/Krakau zur Auswahl. Bei mir kam aufgrund schulischer Verpflichtungen (Mitte Juli – unerhört!) nur der zweite Termin infrage, weshalb ich erleichtert aufatmete, als man mir dafür einen Platz zusicherte.

Bereits die Anreise war abenteuerlich. Im geisterhaften Berlin bestieg ich sonntagmorgens um 6:45 Uhr einen Fernbus, dessen Fahrer kein Wort englisch sprach. Ich hatte einen Sitzplatz im unteren Teil des Doppeldeckers reserviert und war damit fast allein. Jede polnische Durchsage ließ mich unruhiger werden, da ich mich mit niemandem austauschen konnte. Die mysteriösen Dämpfe aus dem Klo am Ende des Ganges trugen ihr Übriges zu meinem Unwohlsein bei. Trotz der Müdigkeit versuchte ich, mich wenigstens minimal in das umfangreiche Material einzulesen, das wir zur Vorbereitung erhalten hatten, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

Bald ging es auf die polnische Autobahn. Dies ließ sich auch ohne den Blick auf Straßenschilder feststellen: Urplötzlich ruckelte es so stark, dass man das Gefühl hatte, über einen unbefestigten Pfad aus dem Mittelalter zu rasen. In unregelmäßigen Abständen sprang das Fahrzeug – ähnlich wie seine Insassen – förmlich in die Höhe. Sogar der hartnäckige Schnarcher ein paar Reihen vor mir schreckte hoch. Es gab also einen positiven Nebeneffekt.

Dank eines kurzen Zwischenhaltes in irgendeiner Stadt, die abgesehen vom Busbahnhof ganz hübsch aussah, konnte ich einen ersten Überblick über unsere Reisegruppe erhalten. Dabei stellte ich fest, dass die anderen ihre Sitzplatzreservierung einfach nicht beachtet hatten und am Oberdeck sowieso größtenteils schliefen. Mit diesem Wissen ging es mir gleich besser. In Katowice verließen wir erschöpft den Bus. Unser Aufatmen hielt jedoch nicht lange an, denn nach einigen Telefonaten fanden wir heraus, dass der Shuttle zum Unterbringungsort noch eine gute Stunde auf sich warten ließe. Grund dafür war ein Bombenalarm an ebenjenem Bahnhof, neben dem wir mehr oder weniger entspannt mit all unserem Gepäck ausharrten. Von den lauernden Gefahren berichtete man uns erst hinterher. Der nächste Bus besaß keine Anschnallgurte. Bei dem Gedanken an polnische Autobahnen wurde ich sogleich panisch, doch glücklicherweise blieb es eine ruhige Fahrt.

Angekommen in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz (IJBS) teilten wir rasch die Zimmer ein und begaben uns anschließend für das lang ersehnte Abendessen in den Speisesaal. Insgesamt bestand unsere Gruppe aus 26 zukünftigen Freiwilligen. Begleitet wurden wir von der derzeitigen Freiwilligen in der Begegnungsstätte und einer Mitarbeiterin von ASF. Am ersten Abend stellten wir uns einander vor, malten hochprofessionelle Portraits und besprachen unsere Erwartungen an die kommenden Tage.

Diese begannen stets mit einem Frühstück um acht Uhr, das seinem Namen alle Ehre machte und primär aus verdächtig schneeweißem, labbrigem Brot bestand. Am ersten gemeinsamen Morgen profitierten wir von einer Stadtführung durch Oświęcim. Das ist eine kleine Stadt mit vielen strahlenden Blumenfeldern und etlichen Fahrschulen, die auf Deutsch Auschwitz heißt und nicht im Geringsten bedrückend wirkt. Wir begaben uns auf die historischen Spuren der jüdischen Bevölkerung im Ort und besichtigten eine Synagoge. Vor dem Mittagessen bereiteten wir im Plenum unseren Gedenkstättenbesuch vor. Dies fand im Rahmen einer stillen Diskussion statt: Fragen wurden gesammelt, Ängste und Assoziationen schriftlich auf Plakaten festgehalten.

Das Stammlager Auschwitz I liegt zu Fuß nur zwanzig Minuten von der Gedenkstätte entfernt. Vor dem Eingang parken Busse. Menschen unterhalten sich ausgelassen. Mir kam das ein wenig bizarr vor, zumal es sich selbst nach dem Betreten der Gedenkstätte nicht schlagartig änderte. Im verhältnismäßig „kleinen“ Stammlager ist der Touristenandrang groß. Wir bekamen Kopfhörer, um der Führerin folgen zu können. Teilweise drängte man sich in den Räumen und hörte parallel von einer Seite die spanische Erklärung mit. Es gelang daher nur bedingt, die Umgebung auf sich wirken zu lassen.

Eine Ausstellung rief jedoch in einigen von uns starke Emotionen hervor. Es handelte sich um Installationen des Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem/Israel. Auf die Wände des ersten Raumes wurden Fotos und Filmaufnahmen aus dem Alltagsleben sämtlicher Familien, die später der nationalsozialistischen Massenvernichtung zum Opfer fielen, projiziert. Im Hintergrund lief Instrumentalmusik. Die sanften Klänge betonten Momente des harmonischen Zusammenlebens. Es war unendlich schmerzhaft, sich die Kluft zwischen den Bildern und dem Schicksal jener Menschen vor Augen zu führen. Im Obergeschoss des Blocks erschauderte ich beim Durchqueren eines Abschnitts, in dem man von mehreren Seiten mit nationalsozialistischen Parolen und öffentlichen Äußerungen führender NSDAP-Funktionäre sowie dem tosenden Applaus der indoktrinierten Menge beschallt wurde. Die Zitate ließen sich auf Bildschirmen mitlesen. Ich fühlte mich in diesem Raum beengt und orientierungslos und verließ ihn zügig, in angeekelter Abwehrhaltung. Zur Abscheu hatte sich bei mir in wenigen Augenblicken enorme Wut gemischt, die eine Weile anhielt.

In mehreren Räumen wurde mir schlecht. Wir kamen an Tonnen von Menschenhaaren und Bergen mit persönlichen Gegenständen vorbei, betraten einen Keller mit Öfen, hörten Geschichten über medizinische Experimente an Menschen und hielten neben einem Galgen inne, während uns die Führerin qualvolle Appellprozeduren schilderte. Obwohl ich dem schrecklichen Verbrechen physisch nah war, reichte meine Vorstellungskraft für all die Grausamkeiten bei Weitem nicht aus.

Vier Stunden später verließen wir das Gelände. So merkwürdig es auch klingen mag, nach einer Reflexionsrunde in der IJBS verbrachten wir einen heiteren Abend, unterhielten uns über Hobbys und spielten Tischtennis. Was wir gesehen und gehört hatten, wurde nicht verdrängt, beeinträchtigte aber auch nicht die Stimmung. Anfangs fragte ich mich innerlich, ob ich der Vergangenheit mit Ausgelassenheit nach dem Besuch des Konzentrationslagers gerecht wurde. Ich suchte unentwegt nach Gründen für meine Unbeschwertheit, die allgemein anhielt. Doch letztendlich kam ich zu dem Schluss, dass es im gegebenen Zusammenhang kein Ideal für den Umgang mit dem Thema Holocaust gibt. Vielleicht ist es besser, wenn ich mir das Geschehene weiterhin nicht vorstellen kann, weil es mir derart absurd, ja, einfach unfassbar erscheint.

Am darauffolgenden Tag begaben wir uns in das flächenmäßig gigantische, ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort war es ruhiger und weitläufiger. Die maroden Baracken sahen furchterregend aus. Nach einem Blick auf Distanz vom Aussichtsturm begaben wir uns in mehrere Gebäude hinein. Sie waren dunkel, kühl und rochen nach Elend. Wir sahen den verdreckten Waschraum, betraten ein Krematorium, betrachteten einen Viehwagon am Ende der Gleise inmitten des Lagers und lauschten Geschichten von ehemaligen Häftlingen, von winzigen Glücksmomenten und unermesslichen Abscheulichkeiten. Draußen wurde die Hitze zunehmend unangenehm. Einige von uns wünschten sich Schatten und Sitzplätze. Man wagte es kaum, solche Bedürfnisse laut zu äußern an einem Ort, wo andere Menschen einst willkürlich ermordet worden, verhungert oder erfroren waren. Besonders prägend war der Rundgang durch die sogenannte „Sauna“, in der die Neuankömmlinge stufenweise ihrer Identität beraubt und entmenschlicht worden waren. In den engen Korridoren und dem Raum mit den Duschkopfattrappen konnte ich nicht lange bleiben.

Nach dem Mittagsessen in der IJBS ging es zum zweiten Mal auf das Gelände des Stammlagers. Wir erkundeten individuell eine Ausstellung zum Schicksal der Sinti und Roma und erhielten einen interessanten sowie bewegenden Einblick in die verschiedenen Formen von Kunst im Konzentrationslager. Vom auftragsgemäßen Gemälde für das Büro eines SS-Mannes bis zum leidenden Gesicht, das heimlich in eine Brotkrume geschnitzt worden war, lies sich Erstaunliches entdecken.

Abends werteten wir den Besuch der Gedenkstätte gemeinsam aus. In Kleingruppen diskutierten wir Reaktionen auf das Erlebte bzw. Gesehene und thematisierten neue Überlegungen. Wie gewöhnlich gab es ein inhaltlich passendes Filmangebot. Die geselligen Nächte gewannen an Bedeutung. Mückenschwärmen gelang es nicht, uns in die Zimmer zu treiben.

Tag drei ließ etwas mehr Freiraum für eigene Interessensschwerpunkte. Vormittags besuchten wir je nach Vorliebe die sogenannten Länderausstellungen im Stammlager. Ich schaute mir die Ausstellungen von Frankreich, Belgien und den Niederlanden an. Es war sehr interessant, den Ausdruck der Erinnerungskultur im direkten Vergleich zu sehen und einen Überblick der vielfältigen Perspektiven auf den Holocaust zu erhalten.
Nach Stunden des individuellen Erkundens merkte ich schließlich, dass ich das Gelände zunehmend als beklemmend empfand. Seit drei Tagen beschäftigte ich mich am Ort des Geschehens mit einem unermesslichen Menschheitsverbrechen. Ich war hin- und hergerissen zwischen der Idylle dank des guten Wetters und den unentwegt ernüchternden Realitäten, die auf mich einprasselten. Ich konnte nichts mehr lesen, obgleich mein Wissensdurst noch lange nicht gestillt war. Ich wollte weg vom Galgen, weg vom Zaun und dem Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“, dessen Anblick in mir Übelkeit auslöste. Es war beruhigend, den Rückweg zur Begegnungsstätte nicht alleine bewältigen zu müssen.

Am frühen Nachmittag blieben wir für ein Selbststudium in der Begegnungsstätte. Man konnte Archivdokumente der IJBS einsehen, in der Bibliothek stöbern oder seine Impressionen kreativ verarbeiten. Spätnachmittags brachen wir zu einer Erkundungstour um die Gedenkstätte herum auf. Diese veranschaulichte uns vor allem das Leben der Aufseher in Auschwitz. Tatsächlich existierten mehrere Wohnhäuser noch und standen nicht einmal leer. Zurück in der Begegnungsstätte werteten wir die Tage in Auschwitz intensiv aus. Nicht selten übertrugen wir sie auf uns als junge Generation, unsere Verantwortung für die Zukunft und unsere Rolle im Rahmen des Friedensdienstes. Der Aufenthalt in Oświęcim fand seinen Ausklang in Form eines Grillabends.

Im Anschluss an einen spannenden, wenngleich schockierenden Workshop zu Tätern in Auschwitz, deren Aussagen vor Gericht und verfügten Urteilen fuhren wir per Bus weiter nach Krakau. Am letzten Tag der Gedenkstättenfahrt genossen wir dort noch einmal volles Programm, das sich (im nicht zu empfehlenden Vergleich mit Auschwitz) als etwas leichtere Kost herausstellte. Man führte uns dreieinhalb Stunden durch die Altstadt, über den Rynek (belebter Hauptplatz mit Tuchhallen und Marienkirche), auf den Wawel (Königshügel), in das ehemalige Nazighetto Podgórze  und das jüdische Viertel Kazimierz. Im Jewish Galician Museum fanden wir weitere historische Spuren der jüdischen Bevölkerung, Bilder vom Alltag, von Festen, von Ruinen. Im Seminarraum versammelten wir uns ein letztes Mal. Man bat uns um ein ausführliches Feedback zur Gedenkstättenfahrt und abschließende Kommentare.

Auf sozialer Basis fand ich die Gedenkstättenfahrt äußerst gelungen. Obwohl das Maß an Input ziemlich heftig war, blieben Zeit und Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten. Ausnahmslos jede*r von uns Freiwilligen freute sich am Ende auf ein baldiges Wiedersehen. Die Tage in Oświęcim und Krakau hatten Euphorie in Bezug auf unseren nahenden Friedensdienst angekurbelt und uns die Möglichkeit gegeben, in einem übersichtlichen Kreis und angenehmer Atmosphäre erste wertvolle Kontakte zu knüpfen. Ich habe die Kombination aus Gedenkstättenbesuchen und intensivem Austausch mit Gleichaltrigen als überaus bereichernd empfunden.

Abgesehen davon beschäftigen mich nach dieser Woche mehrere Dinge: Erstens war ich entsetzt über das Verhalten mancher Besucher*innen der Gedenkstätte Auschwitz. Fröhliche Selfies vor dem Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“, ausgiebiges Picknick auf den Treppenstufen vor einer Baracke, lauthalses Lachen auf dem Gelände und fluchendes Telefonieren im Ausstellungsraum halte ich – trotz dessen, dass Wahrnehmungen und Reaktionen unterschiedlich sein dürfen und sollen – für absolut unangemessen und respektlos. Außerdem hat es mich irritiert, dass nicht wenige Menschen kleine Kinder mitbringen.

Seit meinem Erlebnis in Auschwitz denke ich verstärkt darüber nach, ob und wie sich die Bedeutung des Gedenkortes und seine Präsenz mit der Zeit wandeln werden und welche Möglichkeiten es gibt, Tendenzen der Verharmlosung und des Vergessens einzudämmen. Generell sehe ich im Friedensdienst ein deutliches, qualitatives Zeichen gegen Ignoranz.

Mir persönlich ist Auschwitz nun viel mehr ein Begriff. Ich erahne die Komplexität der nationalsozialistischen Verbrechen, ihre Perversität, ihren animalischen Charakter. Ich habe Bilder im Kopf, die mich noch lange prägen werden. Dennoch hat mir die Gedenkstättenfahrt gezeigt, dass meine Vorstellungskraft nicht ausreicht, um zu begreifen, was in Auschwitz und zahlreichen anderen Lagern passiert ist. Ich verstehe die Gräueltaten nicht, weil mir die Motive dafür vollkommen fremd sind und damit auch jene Menschen, die sie durchführten. Doch diese Erkenntnisse beeinflussen in keinem Fall meine Entscheidung, aktiv zu werden. Je mehr ich über Auschwitz weiß, desto schwerer ist es zu ertragen. Genau dieses Gewicht ist es, das mir zeigt, dass es wichtig ist, sich zu engagieren. Es ist das Gewicht des Geschehenen, das uns das Schweigen verbietet und uns dazu verpflichtet, in den Dialog zu gehen.

Pour aller plus loin:

Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz – http://www.mdsm.pl/de/

Gedenkstätte Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz – http://auschwitz.org/en/ 

Für starke Nerven: Visiting => Virtual tour

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Autor: somebodyfaraway

Hello everyone! I am Linnéa from Germany. To keep it short and simple (which is usually not a quality of mine), I am passionate about languages and traveling, in love with theater and dancing, interested in history, politics and environmental issues. My first blog is about a voluntary service in Paris/France. Thanks to the association Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (Action Reconciliation Service for Peace/ Action Signe de Réconciliation Services pour la paix), I will spend one year abroad, supporting historical education with regard to the Holocaust while promoting peaceful international communication and cooperation. I am very grateful for the possibility of sharing my experiences! Please let me know if you wish to receive translations of my blog posts and don't hesitate to ask any questions. :-)

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